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Die Kreative Konfliktlösung

Unsere Zeit

Wir stehen mitten in einer Zeit des Umbruches. Immer öfter wird uns bewußt: So kann es nicht weitergehen. Sei es jetzt in der Weltpolitik, im internationalen Finanzwesen, in den westlichen Staatshaushalten, in der Umweltsituation oder im munter wuchernden Gesetzesdschungel, den niemand mehr verläßlich überblicken kann. Die Menschen sind verunsichert und haben oft auch Angst.
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Neue Herausforderungen

Das veränderte Bewußtsein der Menschen fällt vor allem denjenigen Berufsständen auf, die sich der Sorgen und Probleme von Menschen annehmen: Ärzten, Sozialarbeitern, Psychologen, Ombudsleuten und auch - Rechtsanwälten. Sensible Vertreter dieser Berufsgruppen haben schon länger erkannt: Den Menschen genügt nicht mehr eine isolierte und mechanisch-chemische Beseitigung von Symptomen. Sie wollen als ganzer Mensch wahr- und ernstgenommen werden und sie erwarten sich Hilfe beim Erkennen und Lösen ihres wahren Problemes.

Die Menschen suchen Hilfe, um ihre Lebenssituation in Ordnung zu bringen, damit sie wieder im Einklang mit sich selbst und ihrer Umwelt leben können. Eine ganz entscheidende Rolle spielt dabei die Qualität der Beziehungen zu ihren Mitmenschen. Jede Störung in seinen Beziehungen stört die Lebensqualität des Menschen, ja sie kann ihn sogar krank machen. Wer Mobbing am Arbeitsplatz schon erlebt hat, kann das bestätigen.

Die konstruktive Arbeit an der Beziehung des Menschen zu seinen Mitmenschen ist somit ein wichtiger Schritt zur Verbesserung seiner Lebensqualität.

Rechtsprobleme sind fast immer Beziehungsprobleme: Mein Rechtsstreit mit einem anderen zeigt mir, daß ich zu ihm eine gestörte Beziehung habe. Streiten hilft mir nicht aus dem Konflikt, sondern zementiert ihn. Sobald ich Verantwortung für die gestörte Beziehung übernehme und bewußt Handlungsmuster verändere, setze ich bereits einen entscheidenden Schritt zur Auflösung des Rechtsstreites.

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Vom Recht-Haben-Wollen zum Probleme-Lösen

Hauptursache zwischenmenschlicher Konflikte ist ein unbewußtes Verhaltensmuster aus den Urzeiten der Menschheit: Wir wollen in allem Recht haben und zugleich den anderen ins Unrecht setzen. Dieses Muster ist leicht zu erkennen, wenn wir andere Menschen beim Meinungsaustausch beobachten. An uns selber ist es - wie alles Unbewußte - schon viel schwerer zu erkennen. Fragen wir also einfach: Wie oft tun wir etwas nur deshalb, um nicht "das Gesicht zu verlieren"?

Treffen zwei Menschen aufeinander, die dieses Muster ausleben, so kann nichts anderes entstehen als ein Konflikt: Jeder der beiden will selbst Recht behalten und den anderen ins Unrecht setzen. Ein solcher Konflikt raubt beiden viel Energie. Er führt zwangsläufig dazu, daß zumindest einer die Arena als Verlierer verläßt und sich auch der "Sieger" mit seinem Sieg nicht wirklich wohl fühlt.

Welche Wege gibt es, mit Konflikten energiesparend umzugehen und zu erreichen, daß alle Beteiligten gestärkt aus dem gelösten Konflikt herausgehen?

Wir gehen einen davon in Schritten:

  1. Wir erkennen: Mit unserem "Recht-haben-wollen" oder "Recht-bekommen-wollen" setzen wir den anderen automatisch ins Unrecht. Das nährt den Konflikt anstatt ihn zu lösen. Deshalb lösen Gerichtsurteile auch keine Konflikte, sondern ordnen bloß einen Zwangsfrieden an. Ein Zwangsfrieden ist kein innerer Friede, sondern bloß äußerer.

  2. Wir machen uns bewußt: mit unserem Konfliktpartner verbindet uns mehr als uns trennt. Uns verbindet derselbe Konflikt und dasselbe Ziel: Die Lösung des Konfliktes.

  3. Diese Sichtweise ermöglicht es uns jetzt, auf den Konfliktpartner offen zuzugehen, mit ihm gemeinsam die Konfliktursachen zu ermitteln und dann kreative Lösungen zu erarbeiten. So stehen dann endlich wir beide als Gewinner des Konfliktes da. Wir blicken voll Stolz auf die gemeinsam erarbeitete Lösung und erkennen: Es ist völlig bedeutungslos, wer Recht (gehabt) hat und wer nicht.
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Kreative Konfliktlösung

Die verschiedenen Möglichkeiten, Konflikte lösungsorientiert anzugehen, fasse ich unter dem Begriff der Kreativen Konfliktlösung zusammen. Ihnen ist folgendes gemeinsam:
  • Wir bringen unserem Konfliktpartner Wertschätzung entgegen und sind von seiner anständigen Gesinnung überzeugt.

  • Wir nehmen unseren Konfliktpartner ernst, hören ihm zu, versetzen uns in seine Lage und verstehen dann seine Sicht.

  • Wir fokussieren uns auf das Ziel, den Konflikt zu lösen. Es geht also nicht darum, akademische Rechtsprobleme zu zelebrieren oder Prozesse zu gewinnen.

  • Herkömmliche Konfliktlösung besteht darin, einen Kompromiß zwischen zwei Extrempositionen herzustellen. So erreicht keiner der Konfliktpartner sein Ziel. Der Kompromiß lebt von der Befriedigung des einen darüber, daß auch der andere sein Ziel nicht erreicht hat. Die Kreative Konfliktlösung bricht aus der Ebene des Kompromisse-Suchens aus und schafft die Voraussetzungen dafür, daß beide Konfliktpartner gemeinsam den Dritten Weg finden: die Lösung, mit der beide ihr Ziel erreichen.

    Phänomen, Wesen und Wirkung solcher Lösungen zweiter Ordnung beschreiben ausführlich Watzlawick/Weakland/Fisch  in: "Lösungen - Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels", 3. Aufl., Bern, Stuttgart, Wien 1984.

  • Das Recht hat bloß dienende Funktion: es hilft uns, die verschiedenen Standpunkte zu verstehen und bietet Lösungsvorschläge. Es ersetzt nicht den kreativen Akt der Problemlösung selbst. Wenn das Recht uns im konkreten Konflikt nicht den Dritten Weg weist, so lassen wir es vorerst als unbrauchbar beiseite und holen es erst dann wieder hervor, wenn wir die gefundene Lösung auf ihre Rechtsverträglichkeit untersuchen.

  • Wir nutzen die seit fast einem Jahrhundert von Dale Carnegie gelehrten, überaus erfolgreichen Regeln über den positiven Umgang mit Menschen.
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Anforderungen an den Rechtsanwalt

Die Kreative Konfliktlösung verlangt vom Rechtsanwalt, sich von seiner traditionellen Rolle als bloßer Ratgeber und Interessenvertreter zu lösen. Er wird zum Begleiter des Klienten auf dessen Weg aus dem Konflikt. Er trainiert ihn, ermutigt ihn, ebnet ihm den Weg, den der Klient - um erfolgreich zu sein - freilich immer selbst gehen muß: niemand kann seinen Weg für ihn gehen.

Die Kreative Konfliktlösung stellt besondere Anforderungen an Charakter und Wertstruktur des Rechtsanwaltes. Unermüdliche Arbeit an der eigenen Integrität schafft erst die Voraussetzungen, um auch in Extremsituationen die Kommunikation zum anderen offenzuhalten. Denn Menschen merken sehr schnell, wenn jemand das, was er sagt, nicht ehrlich meint und lebt.

Konzentriert sich das Ausbildungsziel des traditionellen Rechtsanwaltes vor allem darauf, fachliche Exzellenz zu erreichen, so fordert die Kreative Konfliktlösung vom Rechtsanwalt außerdem lebenslanges Lernen über zwischenmenschliche Beziehungen und offene Kommunikation.

Jeder Konfliktfall hat seine eigenen individuellen Ursachen, Konstellationen und Muster. Vom Rechtsanwalt ist höchste Aufmerksamkeit und Sensibilität gefordert, diese zu verstehen. Das Verstehen des Konfliktes und seiner Individualität ist wichtigste Voraussetzung zu seiner effektiven Lösung.

Die Kreative Konfliktlösung verlangt permanente Offenheit für mögliche Lösungen, die zum Ziel führen. Jede Voreingenommenheit, jedes mentale Fixieren auf einen bestimmten Lösungsweg macht blind und hindert uns daran, die optimale Lösung zu erkennen: diese ist oft ungewöhnlich.

Das Aufspüren der optimalen Lösung fordert vom Rechtsanwalt, jedes Mal einen neuen Weg zu gehen. Es braucht viel Mut, den sicheren Hafen der Routine zu verlassen und sich auf Neues einzulassen.

Um den Lösungsweg gestalten zu können, braucht der Rechtsanwalt besondere Kreativität, die weit über dem fachlich Gelernten steht. Vorbedingung für ein freies Fließen der notwendigen Kreativität ist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen linker und rechter Gehirnhälfte. Da der traditionelle Rechtsanwalt - so wie alle Juristen - fast ausschließlich die linke Gehirnhälfte benützt, ist ein bewußtes Ausgleichstraining der rechten Gehirnhälfte notwendig.

Der bewußte Einsatz der rechten Gehirnhälfte zur Konfliktlösung ist für Juristen ungewöhnlich und fordert daher vom Rechtsanwalt ein hohes Maß an Selbstvertrauen.

Die Kreative Konfliktlösung verlangt vom Rechtsanwalt auch den Abschied von der Vorstellung daß alles und jedes gelernt werden kann und muß. Damit entwickelt er Vertrauen in seine intuitiven Fähigkeiten: Vieles davon, was er in einer konkreten Situation tut oder nicht tut, geschieht intuitiv. Und gerade das so Geschehene stellt sich dann später als entscheidend für den besonderen Erfolg heraus. Ähnliches hat übrigens auch Viktor Frankl  für die Praxis seiner Logotherapie beschrieben.

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Unterschied zur Mediation

Das Besondere der Kreativen Konfliktlösung ist die Verbindung bewährter Konfliktlösungsmethoden mit der klassischen Tätigkeit des Rechtsanwaltes. Sie verwendet daher zum Teil ähnliche Methoden und Zielsetzungen wie die Mediation. Sonst hat sie nichts mit ihr zu tun. Entsprechend der herkömmlichen Tradition bleibt der Rechtsanwalt ausschließlich den Interessen eines Konfliktpartners, seines Mandanten, verpflichtet. Er verschafft sich zunächst ein klares Bild über die Ziele, die sein Mandant erreichen will, und begleitet ihn sodann auf dem Weg dahin.

Mediation funktioniert in der Regel nur dann, wenn beide Konfliktpartner mit der Mediation einverstanden sind. Gerade diese Einverständniserklärung ist in vielen Fällen eine unüberwindbare Hürde. Die Kreative Konfliktlösung bedarf keines Einverständnisses. Sie profitiert bereits von ihren unermüdlichen Versuchen, den Konfliktpartner ins Boot zu holen. Konfliktpartner, die auf solche Weise wiederholt Wertschätzung durch den "Gegner" erfahren, reagieren schon aus diesem Grund viel weniger aggressiv. Auf diese Weise kann Schritt für Schritt eine konstruktive Gesprächsbasis aufgebaut werden.

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Welchen Nutzen schafft die Kreative Konfliktlösung

  • Kreative Konfliktlösung bedeutet konstruktive Arbeit an den Beziehungen zu unseren Mitmenschen. Sie ermöglicht, daß der Weg durch den Konflikt die Beziehungen Schritt für Schritt verbessert und sie am Ende sogar besser sind als vor dem Konflikt.

  • Die durch Kreative Konfliktlösung gefundene Lösung läßt alle Beteiligten aus dem Konflikt gewinnen: die Fachliteratur nennt dieses mittlerweile wohlbekannte Phänomen "win-win-Situation".

  • Das Ausagieren traditioneller Konfliktmuster raubt allen Beteiligten Energie. Die Kreative Konfliktlösung erschließt uns ungeahnte Energiequellen und vermehrt unsere innere Kraft.

  • In traditionellen Konfliktmustern verkümmert die Kommunikation zwischen den Konfliktpartnern mehr und mehr, bis schließlich überhaupt keine Gesprächsbasis mehr besteht. Genau das Gegenteil bewirkt die Kreative Konfliktlösung: sie bewirkt Schritt für Schritt eine Verbesserung der Kommunikation.

  • Das Ausagieren traditioneller Konfliktmuster ist in der Regel mit hohen Kosten verbunden. Die Kreative Konfliktlösung erfordert deutlich niedrigere Kosten, die sich dann oft noch in der gefundenen Lösung amortisieren. Beispiel für eine solche Amortisation: Zwei Geschäftspartner intensivieren den Geschäftskontakt nach Lösung ihres Konfliktes, anstatt ihn abzubrechen. Der daraus erwachsende Mehrumsatz übersteigt rasch die Kosten.

  • Da der Rechtsanwalt besonders große Sorgfalt darein verwendet, Situation, Motive und Ziele des Klienten umfassend zu erforschen und sich darauf einzustellen, fühlen sich in der Regel Klienten von ihrem Rechtsanwalt auch besser verstanden.

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In welchen Rechtsgebieten ist die Kreative Konfliktlösung einsetzbar

In allen.

Die Kreative Konfliktlösung fokussiert auf Konflikte und nicht auf Rechtsgebiete. Sie bewährt sich also überall dort, wo Konflikte entstehen.

© Dr. Herbert Orlich, 19.01.2010


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